Merchingen (Lauda-Königshofen)
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Gedenkstein in Merchingen

49.399636, 9.506936

Deportation

Am 22. Oktober 1940 wurden aus Merchingen die Eheleute Selma und Julius Fleischhacker und die 74jährige Thekla Ullmann nach Gurs deportiert. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft im Lager Gurs erlag Thekla Ullmann den Strapazen der Haft; das Ehepaar Fleischhacker wurde im August 1942 in getrennten Transporten nach Auschwitz verbracht und vermutlich dort ermordet.

Jüdische Ortsgeschichte

Die im 17. Jahrhundert gegründete jüdische Gemeinde Merchingen zählte zu den größten jüdischen Landgemeinden Nordbadens. 1850 hatte sie mit mehr als 320 Angehörigen ihren Höchststand erreicht - das entsprach fast einem Drittel der Einwohnerschaft des Dorfes. Eine um 1740 erbaute Synagoge in der Schollbergstraße wurde Mitte des 19. Jahrhunderts durch ein neues Gotteshaus an gleicher Stelle ersetzt. In dieser Zeit beherbergte Merchingen ein Bezirksrabbinat. Nach der rechtlichen Gleichstellung der badischen Juden 1862 zogen viele jüdische Familien aus Merchingen nach Mannheim oder in andere große Städte, so dass bei der Volkszählung von 1925 nur noch 62 Jüdinnen und Juden gezählt wurden. Neben Vieh- und Fruchthandel betrieben die jüdischen Merchinger Ladengeschäfte oder verdienten ihren Lebensunterhalt als Handwerker.

1933 lebten noch 38 Jüdinnen und Juden in Merchingen. Das ursprünglich gute Verhältnis zur christlichen Mehrheitsbevölkerung verschlechterte sich zusehends unter der antisemitischen Hetze der Nationalsozialisten. Während des Novemberpogroms 1938 demolierten auswärtigen SA-Männer die Inneneinrichtung der Synagoge und misshandelten Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Ein Merchinger Zeitzeuge: Den Fleischhackers Juler haben sie aus dem Haus geholt und ich konnte zusehen, wie sie ihn traktiert haben. Mit ihren Stecken haben sie auf ihn eingeschlagen, ihn einen stinkigen Juden geheißen. Ihm hing das verrissene Hemd vom Körper; aber man schlug weiter auf ihn ein. Dann ging ich den Schollberg raus und dort war man gerade dabei, der Judenschule, d.h., die Synagoge, in Schutt und Trümmer zu schlagen: Ich habe es nachher gesehen, wie alles in Scherben lag. Den Judenlehrer Bravmann hatte man sich auch vorgenommen, ihn auf den blanken Rücken geschlagen, nachdem sein Hemd zerfetzt war. Blutige Striemen hat er davongetragen und in seiner Not versuchte er den zwei jungen Männern, die ihn verfolgten, zu entkommen. Den Schollberg raus steuerte er dem Emeswäldle zu, um sich dort zu verstecken. An der Espach war der Bauer Gottfried Wild mit seinem Pferd auf dem Acker und als er die Verfolger sah, gebot er ihnen, sie sollten sofort aufhören, auf diesen unschuldigen Menschen einzuschlagen.“

Mindestens zehn der 38 im Jahr 1933 registrierten jüdischen Einwohner Merchingens kamen in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ums Leben.

Zeugnisse jüdischen Lebens
Synagoge

Ein Gedenkstein am Gebäude der ehemaligen Synagoge (seit 1951 katholische Kirche) im Buchenweg 15. erinnert an dessen ursprüngliche Bestimmung.

Friedhof

Auf dem jüdischen Friedhof Merchingens (an der Straße nach Ballenberg) stehen etwa 380 Grabsteine.

Quellen
Hundsnurscher, Franz / Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale. Veröffentlichung der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Bd. 19, Stuttgart 1968, S. 198-200
Landauer, Rudolf / Lochmann, Reinhart (Bearb.): Spuren jüdischen Lebens im Neckar-Odenwaldkreis, Dallau 2008