Weingarten
84

49.048445, 8.527737

Deportation

Am 22. Oktober 1940 brachten Lastkraftwagen alle in Weingarten lebenden 24 Jüdinnen und Juden zum Karlsruher Hauptbahnhof. Von dort fuhren sieben Züge nach Südwestfrankreich. Ihr Vater Max Stengel ist am 11. September 1942 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet worden. Wohl um sich die Angst zu nehmen, erkundigten sich die Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen Weingartens gemeinsam im Rathaus nach dem Schicksal der Abgeholten. „Dort sagte man ihnen, dass die Juden hier zu gefährdet seien und in Frankreich eine neue Arbeitsstelle bekommen würden.“ Von der Abholung der Weingartner Jüdinnen und Juden existiert ein Foto. Es wurde von dem Weingartner Gustav Hörmann gemacht, dem bei der Heimfahrt von der Arbeit in Karlsruhe überall Menschenansammlungen aufgefallen waren. Zuhause angekommen holte er seinen Fotoapparat und lief in die Weingartener Ortsmitte. Es lässt sich nicht feststellen, wer die Personen auf dem Foto sind. Bei den Gebäuden handelt es sich um das Weingartener Rathaus und das ehemalige Gasthaus zum „Lamm“. Die einzige Jugendliche unter den Weingartner Deportierten war die 1924 geborene Sigrid Stengel. Mit ihren Eltern Max und Irma musste sie 1941 in das Lager Rivesaltes umziehen. Quäker holten sie aus dem Lager, in das sie 1942 wieder zurückkehren musste. Ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben (11. September 1942). Erneut wurde sie, diesmal durch Mitarbeiter der OSE, aus dem Lager befreit und am 4. Mai 1942 mit einem Kindertransport der Quäker in die USA verbracht. Am 11. September 1942 brachten ihn die Nationalsozialisten vom Sammellager Drancy in das Mordlager Auschwitz.

Jüdische Ortsgeschichte

1525 werden erstmals jüdische Familien in dem kurpfälzischen Ort Weingarten genannt, doch kann erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts von einer dauerhaften Ansässigkeit von Juden dort ausgegangen werden. 1833 richtete sich die jüdische Gemeinde, die ihre Toten bis dahin auf alten den Obergrombacher Verbandsfriedhof brachte, einen eigenen Friedhof ein. 1840 erfolgte der Neubau ihrer Synagoge im maurischen Stil in Nachbarschaft der katholischen und der evangelischen Kirchen. Während den revolutionären Unruhen des Jahres 1848 verzichteten die Weingartner Juden aus Angst vor Übergriffen „freiwillig und ungezwungen“ auf alle ihnen zustehenden bürgerlichen Rechte. Nach der rechtlichen Gleichstellung der badischen Juden 1862 begann sich das Verhältnis zwischen den Konfessionen zu entspannen. 1875 umfasste die jüdische Gemeinde 162 Seelen (5 % der Einwohnerschaft), 1925 waren es nur noch 76 (1,5 %). In den 1920er und 1930er Jahren bestimmten Viehhandel und Großschlächtereien das Berufsbild der Weingartner Juden.

Der reichsweit durchgeführte Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 wurde in Weingarten nicht beachtet. 1934 erreichte die Eisenwarenhandlung Löwenstein noch einen Umsatz von ca. 160 000 RM. Die Großschlachtereien Adolf Bär und Max Fuchs, die wesentlich zur Versorgung der Stadt Karlsruhe beitrugen, konnten ihre Betriebe bis 1936 aufrechterhalten. In den Morgenstunden des 10. Novembers 1938 drangen zwei Lehrer der örtlichen Schule mit ihren Schülern in die Synagoge ein und hielten diese zur Zerstörung der Kultgegenstände an. Mehrere jüdische Männer kamen ebenfalls am 10. November 1938 in das Konzentrationslager Dachau, von wo man sie erst nach Wochen wieder freiließ. Wenige Tage nach dem Pogrom wurde die Synagoge auf Anweisung der NSDAP abgerissen.

Mindestens 29 der 1933 in Weingarten registrierten jüdischen Bürger sind der NS-Verfolgung zum Opfer gefallen.

Zeugnisse jüdischen Lebens
Gedenksteine

Eine Gedenktafel und zwei Fototafeln an der katholischen Kirche erinnern an die einstige jüdische Gemeinde Weingartens.

Friedhof

 Der Begräbnisplatz der jüdischen Gemeinde liegt im Gewann „Effenstiel“ südlich des Dorfes.

Stolpersteine