Muggensturm
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Stein Muggensturm

48.875103, 8.280916

Deportation

Als am frühen Morgen des 22. Oktobers 1940 Gestapo-Männer nach Muggensturm kamen, standen nur der Metzger Moritz Heimann und seine Frau Frieda auf ihrer Liste. Ein Muggensturmer Zeitzeuge beobachtet als Kind die Abholung: „Unser jüdischer Nachbar Moritz Heimann war ein guter Mensch, um die 70 Jahre. Sie haben ihn aus dem Haus gezogen, auf den LKW hochgeschmissen wie einen Sack. Die Abholer waren nicht aus dem Ort. Die Gestapo kam aus Rastatt.“ Das zurückgelassene Eigentum des Ehepaars wurde später von der politischen Gemeinde öffentlich versteigert.

Moritz Heimann starb am 25. Juli 1943 mit 62 Jahren im Lager Noé. Seine Frau Frieda  wurde 1944 von den Nationalsozialsten mit Hilfe der französischen Polizei von Gurs aus nach Auschwitz deportiert. Sie gehörte zu den wenigen Verschleppten, die man nach der Ankunft in Auschwitz zum Arbeitseinsatz in andere Lager schickte. Das Kriegsende erlebte sie in Salzwedel, wo sie in einer Patronenfabrik Zwangsarbeit verrichten musste. Bei ihrer Befreiung wog sie nur noch 47 kg. Ihren Bericht über ihre Leidenszeit schließt sie mit dem Satz: „Dass ich überlebte und später wieder nach Karlsruhe zurückkehren konnte, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.“ Bis zu ihrem Tod 1985 lebte Frieda Heimann in Karlsruhe.

Jüdische Ortsgeschichte

Die jüdische Gemeinde Muggensturm formierte sich im 18. Jahrhundert. 1835 erwarb sie eine Scheune, die sie zu einer Synagoge umbaute; zwei Jahre später richtete sie in einem Anbau eine Mikwe (Ritualbad) ein. Die jüdische Gemeinschaft Muggensturms war immer klein, weshalb sie nicht den Status einer selbstständigen Gemeinde besaß, sondern der benachbarten Rastatter Gemeinde als Filiale angegliedert war. 1875 umfasste sie 80 Mitglieder (4,2 % der Ortsbevölkerung), 25 Jahre später waren es nur noch 30. 1913 löste sich die Filialgemeinde Muggensturm auf; ihre Synagoge wurde verkauft (Abbruch 1973). 1924 lebten noch fünf Menschen jüdischen Glaubens im Ort. Die Tüten-, Papierwaren- und Kartonagefabrik Dreyfuss & Roos war einer größten jüdischen Gewerbebetriebe Muggensturms in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1926 beschäftigte die Firma Vogel & Schnurmann (Lumpensortieranstalt und Lederhandel) 700 Mitarbeiter.

Quellen
Götz, Patrick / Rumpf, Andrea: Jüdische Spuren in Achern, Lichtenau, Schwarzach und Stollhofen, in: Stadt Bühl, Stadtgeschichtliches Institut (Hg.): Jüdisches Leben: auf den Spuren der israelitischen Gemeinde in Bühl, Bühl 2001, S. 22-28
Jung, Christian/Schneider, Ernst: Tradition durch Erinnerung. Die Geschichte von Muggensturm - Historisches Lesebuch, Ubstadt-Weiher u. a. 2019, S. 80-83
Schneider, Ernst: Muggensturmer Ortschronik , o. O. 1985, S. 128-130