Grötzingen (Karlsruhe)
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Gedenkstein in Grötzingen

49.00588, 8.504351

Deportation

Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten noch in Grötzingen wohnenden Jüdinnen und Juden zum Karlsruher Hauptbahnhof gefahren.[1] Die jüngste Deportierte war die 1930 geborene Ruth Palm. Ihre Erinnerungen an die Zeit im „Camp de Gurs“ enthalten neben quälenden auch schöne Momente: Bei einem der Freigänge, die die französische Lagerleitung Internierten gelegentlich zugestand, lud eine Einheimische ihre Mutter Luise und sie spontan zum Essen eingeladen. Die französische Frau ließ ihnen auch später Lebensmittel zukommen. Die Familie musste im März 1941 in das Lager Rivesaltes wechseln. Als sich die ersten Transporte nach dem Osten ankündigten, gaben die Eltern ihre Tochter Ruth im Frühjahr 1942 einer jüdischen Hilfsorganisation, die sie in einem Internat für französische jüdische Mädchen unterbrachte. Als diese die Quäker im Frühjahr 1942 die Auswanderung in die USA ermöglichten, durfte sich ihre Mutter sich von ihr im Hafen von Marseille verabschieden, musste aber noch vor der Abfahrt des Schiffes wieder im Lager Gurs erscheinen.[2] Ihr Vater Max Palm war bereits am 7. Januar 1941 in Gurs verstorben, ihre Mutter Luise Palm, wurde am 14. August 1942 vom Sammellager Drancy aus nach Auschwitz deportiert. Acht weitere Deportierte aus Grötzingen sind in einem der Lager in Südwestfrankreich oder in Osteuropa ums Leben gekommen.

Jüdische Ortsgeschichte

Im 15. und 16. Jahrhundert wurden in dem baden-durlachischen Grötzingen mehrfach jüdische Händler aktenkundig, doch erst mit der Niederlassung einer jüdischen Familie im Jahr 1677 begann sich ein kontinuierliches jüdisches Leben im Dorf zu entwickeln. 1799 weihte die jüdische Gemeinde einen Betsaal ein. Er befand sich in einem Haus in der damaligen Oberen Gasse, die zwischen 1899 und 1934 Synagogenstraße hieß (heute Krumme Straße). 1825 machten die 99 jüdischen Einwohner Grötzingens 5,5 % der Ortsbevölkerung aus. Um 1900 richtete sich die jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof ein.

1933 existierten noch eine jüdische Viehhandlung und ein kleines Haushalts- und Manufakturwarengeschäft im Ort. Während des Novemberpogroms 1938 kam es zu schweren Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung. Nach Berichten von Zeitzeugen fuhren am Morgen des 10. Novembers 1938 vier PKWs vor der Synagoge vor, aus denen jeweils vier Männer in Zivil ausgestiegen seien. Die mit Beilen bewaffneten Männer sollen in den Betsaal eingedrungen sein und die Ritualgegenstände und das Mobiliar durch die Fenster auf die Straße geworfen haben. Da die Nachbarn um ihre Häuser fürchteten, wehrten sie sich gegen eine Inbrandsetzung des Gebäudes.

Zeugnisse jüdischen Lebens
Synagoge

Ein Gedenkstein in der Krummen Straße 15 erinnert an die ehemalige Synagoge Grötzingens.

Friedhof

Auf dem jüdischen Friedhof an der Straße "Am Liepoldsacker" stehen dreizehn Grabsteine.

Stolpersteine
Quellen
Asche, Susanne: 1000 Jahre Grötzingen, Karlsruhe 1991, S. 84-89, 147-148, 252-256
Steinhardt-Stauch, Uschi: Vor 70 Jahren: Deportation aus Grötzingen, in: Grötzinger Heimatbrief, 50 (2011), S. 44-46
Asche, Susanne: Vom Traditionalismus auf dem Land zur Anpassung in der Stadt. Geschichte der Juden in Grötzingen und Durlach 1715 - 1933, in: Heinz Schmitt/u.a. (Hg.): Juden in Karlsruhe, Karlsruhe 1988, S. 189-218